2019 hat sich das Angebot alternativer Fortbewegungsmöglichkeiten in Hamburg weiter ausgeweitet, welchen Einfluss hat das auf das Leben in der Hansestadt?

Ich packe die Tüten in meinen Rucksack, ziehe mir bequeme Schuhe an, setze die Mütze auf und mache mich zu Fuß auf den 10-minütigen Weg zum Supermarkt. Bloß nicht zu viel kaufen, schließlich müssen die Einkäufe auch irgendwie nach Hause kommen. Brauche ich einen oder zwei Liter Milch? Wann schaffe ich es diese Woche, wieder einkaufen zu gehen?

Ich nehme mir den Haustürschlüssel vom Schlüsselbrett, setze mir die Mütze auf, gehe raus aus der Tür. Nur ein paar Schritte, dann bin ich schon da, die Zentralverriegelung piept und ich steige ein. Ein paar Momente später setze ich die Mütze schon wieder ab, die Kombination aus Zentralheizung und Sitzheizung gibt mir ein wohliges Gefühl. Wo wollte ich eigentlich hin? Ach ja, zum Supermarkt – einkaufen.

Beide diese Szenarien kommen bei mir regelmäßig vor. Seit ich vor 4 Jahren zurück nach Hamburg gezogen bin, besitze ich kein Auto.

Ich bin am Hamburger Stadtrand aufgewachsen und auf der Zielgeraden zum 18. Geburtstag gab es eigentlich nur ein Thema. Wann auch ich endlich lässig mit dem Autoschlüssel in der Hand zum Parkplatz tänzeln kann und mit dem Auto den damit 4-minütigen Schulweg antreten kann.

Autos waren ein Statussymbol. Dabei kam es nicht zwangsweise darauf an das coolste Auto zu haben. Hauptsache, man hatte eins. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen. Stolz – ein Gefühl von Erwachsensein. Unabhängig. Selbstbestimmt. Fast schon ein kindliches „ich bin jetzt einer von denen, einer von den Erwachsenen“ – endlich.

Während ich mir in der Schulzeit für ein paar Monate ein Auto mit meinem Bruder teilte, holte mich die Realität schnell ein. Der Komfort und das Gefühl waren es mir schnell nicht wert, mein hart erarbeitetes Taschengeld dafür auf den Kopf zu hauen.

Während meines Studiums in Lüneburg wurde ein eigenes Auto dann zu einem undenkbaren Luxusgegenstand, den ich mir erst mal nicht mehr leisten konnte.

Jetzt, ein paar (ja sogar ziemlich viele) Jahre später hat sich diese Entscheidung, gegen ein eigenes Auto, die damals aus der Not heraus getroffen war in meinen Lebensstil verwandelt.

Eine Kombination aus „Ich brauche gar kein Auto“, „der Umwelt zuliebe“ und „das ist ja auch ziemlich teuer“ bestärkt mich immer wieder darin, bei meiner Entscheidung zu bleiben, ohne Auto zu leben.

Ich lebe inzwischen relativ zentral in Hamburg. Was das heißt? Ich lebe im Share Now, Moia und e-Scooter Gebiet. Als mein Mann und ich kürzlich mal Ausschau nach einer neuen Wohnung gehalten haben, war auch das ein Kriterium. Denn es ist ja nicht so, dass einfacher Zugriff auf ein Auto nicht auch manchmal echt praktisch ist.

Urlaub, Großeinkauf, Umzug, Ausflüge oder Spontanbesuche – wie eingeschränkt ist das Leben wirklich, ohne eigenes Auto?

 

“Steig um!” eine Aktion der Behörde für Umwelt und Energie der Hansestadt Hamburg

Im Frühjahr 2019 haben sieben Hamburger Familien im Rahmen der Aktion „Steig um!“ der Behörde für Umwelt und Energie der Hansestadt Hamburg für 12 Wochen auf ihr Auto verzichtet. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sind Paare, Familien, Singles; jung und alt.  Sie sollten in dieser Zeit das gesamte Angebot alternativer Möglichkeiten nutzen, von Bus und Bahn, über Carsharing, Fahrrad, Mietwagen, E-Roller und Lastenrad.

Ziel der Aktion war es, den Hamburger Bürgern einen besseren Einblick in das Leben, ohne eigenen Pkw zu ermöglichen und einen Anreiz für den Umstieg auf alternative Fortbewegungsmittel zu schaffen. Die sieben Familien wurden bei einzelnen Strecken von Reportern des Hamburger Abendblatts begleitet und lieferten wöchentliche Berichte ihrer Erfahrungen ab. Am Ende der zwölf Wochen steht für vier der sieben Familien fest – ein Leben ohne Auto ist gut möglich, das eigene Auto wird verkauft.

Ich hatte mich nie so richtig an den Luxus des eigenen Autos gewöhnt, einen solchen „Umstieg“ auf ein Leben ohne hatte ich darum nicht. Vielleicht macht es mir das leichter, die Aktion „Steig um!“ zeigt aber, dass es auch möglich ist, den Umstieg weg vom eigenen Auto zu machen. Dazu gehört vielleicht hier und da ein bisschen mehr Planung und Flexibilität, dafür schont man dabei die Umwelt und oft auch den eigenen Geldbeutel.

In Hamburg stehen uns reichlich Möglichkeiten zur Verfügung, ohne das eigene Auto von A nach B zu kommen. Neben dem eigenen Fahrrad bringen das StadtRAD und der HVV uns bereits seit Jahren fast überall hin. Im Jahr 2018 belief sich die Zahl der Fahrgäste im HVV auf saftige 784,5 Millionen und ist damit zum Vorjahr um 0,5 Prozent gestiegen. Die 2.600 Räder von StadtRAD Hamburg haben rund 2,5 Millionen Nutzer im Jahr.

 

Moia – Ride Sharing auf hohem Niveau

2019 kamen zwei neue Spieler auf die Straßen. Seit April 2019 fahren die Elektrobusse von Moia durch Hamburgs Straßen und ziehen mit ihrem modernen Erscheinungsbild die Blicke auf sich. Das Ridesharing-Angebot musste ich natürlich direkt ausprobieren, erste Berührungsängste kamen vor allem dadurch zustande, das unklar war, wo sich diese virtuellen Haltestellen, an denen ich von einem Moia eingesammelt werden könnte, denn nun befinden.

Das Zwischending von Taxi und Linienbus ist ein ganz neues Konzept, an das man sich erst mal ran tasten muss. Nach der ersten Fahrt war dann aber schnell klar – die Vorteile liegen auf der Hand. Nicht nur fühlt man sich wie ein Promi, wenn man in das Science Fiction anmutende Gefährt steigt und vom Fahrer mit dem Vornamen begrüßt wird, dass die Fahrt eventuell mal länger dauert, als mit dem Auto ist dank bequemem Luxussitzplatz und eigenem USB Anschluss am Platz schnell vergessen.

Der deutlich höhere Komfort im Gegensatz zum Linienbus, die günstigeren Kosten im Vergleich zum Taxi und das im Gegensatz zu ShareNow deutlich größere Geschäftsgebiet sind drei Hauptgründe dafür, dass Moia schnell ein Teil meines Transportnetzwerks wurde.

 

E-Scooter – mieten und losfahren 

Im Juni 2019 wurde das Hamburger Straßenbild erneut verändert. Seit Inkrafttreten der Zulassungsverordnung am 15.06. wächst die Zahl der angebotenen E-Scooter verschiedener E-Scooter-Sharindienste stetig. Hier stellte sich mir schnell die Frage, nützt mir das was? Ersetzen die E-Scooter die man sich an jeder Ecke quasi einfach schnappen und mieten kann nicht eher die Strecken, die ich sonst zu Fuß gehen würde? Ja, schon. Doch trotz der hohen Kosten und dem zunächst schwer erkennbaren Nutzen habe ich auch dieses Angebot in mein Leben integriert. Ich bin jetzt erst mal bereit, längere Strecken zu Fuß zu gehen, weil ich weiß, dass ich jederzeit unterwegs, wenn ich keine Lust mehr habe zu gehen, einen E-Scooter mieten und los düsen kann. Die extrem hohen Kosten, die fast schon an Car-Sharing-Preise herankommen, sorgen zwar dafür, dass diese Option eher selten eingesetzt wird, aber allein die gesparte Parkplatzsuche am Ziel ist das Geld oft schon wert.

 

Der ganz normale Alltag lässt sich für mich also nicht nur abwechslungsreich, sondern durch stärkere Nutzung des Fahrrads und meiner eigenen zwei Beine auch gesünder gestalten. Und doch gibt es da ein paar Bereiche, die immer wieder zum Thema werden, wenn es darum geht, ohne eigenes Auto zu leben. Großeinkäufe und spontane Wochenendtrips. Meine Lösung? Einkäufe lasse ich mir gerne einfach liefern. Nicht zwingend besser für die Umwelt, aber manchmal einfach so viel einfacher als die Getränkekiste und die drei Liter Milch nach Hause zu schleppen. Und wenn alle Stränge reißen, miete ich mir eben ein Auto. Carsharing macht das so einfach und unkompliziert, dass man nicht mal zwei Mal drüber nachdenken muss.

Der für mich einzige Punkt, an dem ich tatsächlich das eigene Auto manchmal vermisse sind Wochenendtrips ans Meer. Wie oft ich das machen würde, wenn ich ein Auto hätte? Keine Ahnung. Die Male, die ich es so mache miete ich mir halt einfach ein Auto.

Wie ist es also ohne Auto in Hamburg? Gut und abwechslungsreich. Zunächst stelle ich mir immer die Frage, wo will ich hin, wie lange will ich da bleibe und liegt das Ziel gut erreichbar im HVV Gebiet oder im Geschäftsgebiet von Car-Sharing, E-Scooter oder Moia. Je nach Wetter und Laune treffe ich jedes Mal neu die Entscheidung, wie ich denn heute an mein Ziel gelangen möchte. Das fühlt sich nicht nach Einschränkung, sondern nach Freiheit für mich an.

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